Berlin – diese wilde, widersprüchliche, vibrierende Stadt. Man kann sie zu Fuß entdecken, mit der U-Bahn durchqueren oder sich im Bus treiben lassen. Aber keine Fortbewegung ist so frei, so intensiv und so unmittelbar wie auf dem Fahrrad. Seit ich in Berlin lebe, ist mein Drahtesel mein ständiger Begleiter. Er bringt mich nicht nur von A nach B, sondern führt mich tief hinein in das Herz dieser Metropole.
In diesem Beitrag stelle ich dir drei meiner liebsten Routen vor – sorgfältig kuratiert, mit persönlichen Tipps, kulinarischen Zwischenstopps, fotografischen Lieblingsspots und praktischen Buchungsempfehlungen für deine Berlin-Reise. Jede Strecke hat ihren ganz eigenen Charakter – urban, grün oder historisch. Ich verspreche dir: Nach diesen Touren wirst du Berlin mit neuen Augen sehen.
🛤 Route 1: Der Klassiker – Von Mitte durch das historische Herz bis in den Westen
Start: Alexanderplatz
Ziel: Schloss Charlottenburg
Strecke: ca. 12 km
Dauer: ca. 2,5–3 Stunden (mit Stopps)
Schwierigkeitsgrad: Leicht, meist flach, durchgehend auf Radwegen
🕰 Einsteigen am Puls Berlins
Ich liebe es, diese Tour früh am Morgen zu beginnen, wenn der Alexanderplatz noch nicht überfüllt ist. Das erste Licht bricht gerade zwischen Fernsehturm und Weltzeituhr hindurch, taucht die Glasfassaden und das Kopfsteinpflaster in ein sanftes, goldenes Licht. Dieser Moment gehört für mich zu den schönsten in Berlin: die Stadt erwacht langsam, es herrscht eine besondere Ruhe, die kaum jemand mitbekommt, weil die meisten noch schlafen oder erst ihren Kaffee holen. Hier, am Alexanderplatz, beginnt für mich der wahre Herzschlag der Hauptstadt.
Ich schnalle meinen Helm fest, kontrolliere noch einmal den Luftdruck meiner Reifen und steige dann auf mein Rad. Das Geräusch der Kette, das Rattern der Räder – es fühlt sich an wie das Aufbrechen in ein kleines Abenteuer. Mein Weg führt mich sofort Richtung Westen, vorbei an den modernen Gebäuden und geschäftigen Straßen der Spandauer Straße. Auf den ersten Kilometern spüre ich das urbane Leben Berlins in all seinen Facetten: Touristen mit Stadtplänen in der Hand, Lieferanten, die ihre Waren an Cafés ausliefern, und Geschäftsleute auf dem Weg zur Arbeit.
Schon hier wird deutlich, wie sehr Berlin eine Stadt der Geschichte ist. Nur wenige Kilometer weiter reiht sich ein kulturelles Highlight ans nächste. Ich gleite langsam am Roten Rathaus vorbei, das mit seinem tiefroten Backstein ein wahrer Hingucker ist, und lasse den Blick schweifen über das Ensemble der Museumsinsel. Wenn ich die Straße überquere und direkt an der Spree entlangfahre, habe ich das Gefühl, mitten in einem lebendigen Geschichtsbuch zu sein. Der Berliner Dom thront majestätisch über dem Wasser, während das Alte Museum und die Neue Wache mit ihrer klassizistischen Architektur auf eine ganz besondere Epoche Berlins verweisen.
Auf dieser Strecke fahre ich bewusst langsamer als sonst, lasse meine Augen über die Fassaden und Skulpturen wandern, atme tief die Mischung aus Stadtluft, frischem Asphalt und den zarten Blumendüften an den Uferpromenaden ein. Es sind genau diese Momente, in denen ich spüre, wie eng Geschichte und Gegenwart in Berlin verwoben sind.
📸 Fototipp: Ich halte immer am Lustgarten an, genau zwischen Berliner Dom und Altem Museum. Hier kannst du ein einzigartiges Foto machen: Die harmonische Symmetrie aus barocker Architektur, dem weitläufigen Wasserbecken und dem blauen Himmel im Hintergrund ergibt eine fast malerische Komposition – perfekt für Instagram oder dein persönliches Erinnerungsalbum.

🇩🇪 Regierung und Geschichte am Spreebogen
Nachdem ich die Museumsinsel passiert habe, führt mich die Route weiter entlang des Spreeufers, vorbei am Humboldt Forum. Dieses moderne Gebäude ist ein Symbol für Berlins Wandel und zeigt, wie sehr sich die Stadt der Gegenwart öffnet, ohne ihre Geschichte zu verleugnen. Ich genieße den Ausblick auf die historischen Fassaden, die sich im Wasser spiegeln, und beobachte, wie Boote ruhig vorbeigleiten.
Kurz darauf komme ich zur Schlossbrücke, einer der schönsten Brücken Berlins, die den Übergang zwischen historischen und modernen Teilen der Stadt markiert. Ich überquere sie und stehe plötzlich am berühmten Brandenburger Tor, dem wohl bekanntesten Wahrzeichen Berlins. Gerade am frühen Morgen, wenn der Platz noch menschenleer ist, wirkt der Ort fast sakral – die strahlenden Sandsteinpfeiler leuchten im ersten Sonnenlicht, und die Geschichte der Teilung und Wiedervereinigung scheint förmlich greifbar.
Auch wenn ich diesen Ort schon unzählige Male besucht habe, bekomme ich hier immer wieder Gänsehaut. Es ist der Geist der Freiheit und des Aufbruchs, der diesen Platz durchdringt – und ihn zu einem unverzichtbaren Teil meiner Tour macht.
Gleich in der Nähe befindet sich der Reichstag. Die große Wiese davor ist für mich einer der schönsten Ruhepunkte der Tour. Hier setze ich mich gerne kurz auf die Stufen zum Wasser, genieße einen Kaffee to go vom kleinen Kiosk am Spreeufer und lasse die lebendige, aber dennoch friedliche Atmosphäre auf mich wirken. Die Schwäne gleiten elegant über das Wasser, während Jogger und Spaziergänger ihren Weg finden. Es fühlt sich an, als atme Berlin hier besonders tief und intensiv.
🎟️ Tipp: Wenn du ausreichend Zeit mitbringst, empfehle ich dir einen Besuch der Reichstagskuppel. Der Eintritt ist kostenlos, doch aufgrund der hohen Nachfrage ist eine Online-Reservierung über bundestag.de nötig. Am besten planst du deinen Besuch 3–5 Tage im Voraus ein, um dir einen Platz zu sichern. Der Rundgang bietet nicht nur einen grandiosen Blick über die Stadt, sondern auch spannende Einblicke in Politik und Architektur.
🏞 Grüne Weite im Tiergarten
Nachdem urbanen Flair der Regierungsviertel führt der Weg in den Tiergarten – Berlins grüne Lunge. Sobald ich hier ankomme, spüre ich sofort eine angenehme Ruhe, die sich von der lebhaften Innenstadt stark unterscheidet. Die breiten, gut ausgebauten Radwege schlängeln sich durch Alleen, die an französische Boulevards erinnern. Sonnenstrahlen brechen durch die Blätter und zeichnen tanzende Lichtflecken auf den Asphalt.
Eichhörnchen huschen flink zwischen den Bäumen umher, und Vogelgezwitscher begleitet meine Fahrt. Immer wieder öffnet sich der Blick auf die berühmte Siegessäule, die stolz auf ihrem Sockel steht und die Weite des Parks überblickt. Für mich ist der Tiergarten einer der schönsten Orte in Berlin, um tief durchzuatmen und den Kopf frei zu bekommen.
🧺 Kulinarischer Stopp: Ich mache gerne Halt im Café am Neuen See, einem versteckten Juwel direkt am Wasser. Hier gibt es nicht nur leckere Brezeln und frisches Radler, sondern auch selbstgebackenen Apfelkuchen, der perfekt zu einem sonnigen Frühlingstag passt. Der Biergarten ist besonders in den warmen Monaten ein absoluter Geheimtipp – ruhig, idyllisch und mit einem unvergleichlichen Flair.
👑 Ziel: Schloss Charlottenburg – Majestätisches Finale
Die letzten Kilometer führen mich über die ruhige Hofjägerallee, die sich durch schattige Alleen zieht, bevor ich auf die Otto-Suhr-Allee einbiege – eine der Hauptverkehrsachsen, die mich direkt zum Schloss Charlottenburg bringen. Sobald ich die historischen Mauern und die kunstvoll verzierten Fassaden sehe, überkommt mich jedes Mal ein Gefühl der Ehrfurcht und Bewunderung.
Schloss Charlottenburg ist für mich das perfekte Finale dieser Route. Hier fühlt man sich wie in eine andere Zeit versetzt – in eine Ära voller Eleganz und barocker Pracht. Der weitläufige Park mit seinen Fontänen, Spiegelteichen und romantischen Blickachsen lädt zum Verweilen ein. Ich stelle mein Fahrrad ab, setze mich an das Wasserbecken im Schlossgarten und lasse die Erlebnisse der Tour Revue passieren. Es fühlt sich an, als hätte ich in den letzten Stunden einen Zeitsprung gemacht – von der pulsierenden Metropole in die glanzvolle Geschichte Preußens.
🎟️ Tickets für das Schloss: Für einen Besuch empfehle ich dir, die Eintrittskarten im Voraus über die offizielle Seite spsg.de zu buchen. Alternativ sind Plattformen wie GetYourGuide oder Tiqets.de eine praktische Möglichkeit, um ohne Wartezeit in das Schloss einzutauchen.
Diese klassische Route durch Berlin vereint für mich alles, was diese Stadt so einzigartig macht: Geschichte, Kultur, Natur und das urbane Lebensgefühl. Jedes Mal, wenn ich sie fahre, entdecke ich neue Details und erlebe Berlin ein Stück weit neu – immer auf zwei Rädern und mit einem offenen Herzen für diese faszinierende Stadt.
🌿 Route 2: Natur, Wasser und Weite – Von Prenzlauer Berg zum Müggelsee
Start: Helmholtzplatz, Prenzlauer Berg
Ziel: Müggelsee / Friedrichshagen
Strecke: ca. 24 km
Dauer: 4–5 Stunden mit Pausen
Schwierigkeitsgrad: Mittel (etwas längere Strecke, aber gut ausgebaut)
🏘 Losradeln durch Kiezleben
Prenzlauer Berg – hip, grün, entspannt. Ich beginne diese Tour meist samstags, nach einem Cappuccino im Café „Impala“ oder „Bonanza Coffee“. Der Helmholtzplatz ist perfekt, um den Kiez zu erleben: Familien mit Kindern, Boule-Spieler, Straßenmusik.
Die ersten Kilometer führen mich über die Danziger Straße Richtung Volkspark Friedrichshain. Hier beginnt der Übergang von urbaner Dichte zu sanfter Weite. Durch das Grün des Parks weht der Geruch von Rasen und Grill, der Radweg ist gut markiert und von Bäumen gesäumt.
🚴♀️ Durch Lichtenberg Richtung Köpenick
Was viele Berlin-Besucher übersehen: der Osten bietet die spannendsten Perspektivwechsel. Zwischen Plattenbau und Villenviertel, zwischen Industriebrachen und Naturidylle liegt die Seele der Stadt.
Ich liebe besonders den Abschnitt entlang des Rummelsburger Sees – ein kleines Paradies. Hier spiegeln sich Boote im Wasser, Reiher stehen am Ufer. Die Wege sind angenehm ruhig, perfekt für eine entspannte, meditative Fahrt.
🛶 Tipp für Aktive: Am Paul-und-Paula-Ufer kannst du spontan ein Kanu oder SUP mieten. Anbieter z. B. über GetYourGuide.de oder kajakberlin.de
🏞 Ankommen am Müggelsee – Berlins blaue Lunge
Der Müggelsee ist für mich ein Ort der Kindheit, der Weite, der Entschleunigung. Sobald du aus dem Wald kommst und den glitzernden See siehst, weißt du: Hier bleibst du. Ich stelle mein Rad ab, springe ins Wasser oder gönne mir ein kühles Bier am „Strandbad Friedrichshagen“.
📸 Fototipp: Sonnenuntergang am Südufer – die Farben explodieren über dem Wasser. Ideal mit einem ND-Filter für Langzeitbelichtungen.
🛏️ Übernachtungstipp: Hotel „Das Schmöckwitz“ direkt am See – urig, familiär, ruhig. Buchbar z. B. über Booking.com oder SecretEscapes.de
🧱 Route 3: Berlin Mauerweg – Auf den Spuren der Teilung
Start: Bornholmer Straße
Ziel: Wannsee (oder beliebig – 160 km Gesamtroute)
Empfohlene Etappe: ca. 35 km, Bornholmer Straße bis Griebnitzsee
Dauer: 4–6 Stunden
Schwierigkeitsgrad: Mittel bis anspruchsvoll (lange Strecke, wechselnde Untergründe)
🧭 Radeln durch Geschichte
Diese Route ist keine touristische Idylle – sie ist ein tiefgehender, oft bewegender Weg. Der Berliner Mauerweg folgt dem Verlauf der einstigen Grenzanlagen. Schilder, Mahnmale und Infotafeln erzählen, was hier geschah – Fluchten, Trennungen, Überwachung.
Ich starte meist an der Bornholmer Straße, dem Ort, wo die Mauer zuerst fiel. Dann geht’s durch Pankow, Reinickendorf, entlang von Friedhöfen, Hinterhöfen, durch Niemandsland. Was mich berührt: die Kontraste. Wohnsiedlungen direkt neben Stacheldrahtresten. Spielplätze auf ehemaligem Todesstreifen.

🏡 Zwischenstopps mit Bedeutung
- Gedenkstätte Berliner Mauer (Bernauer Straße): Emotionaler Tiefpunkt der Tour. Ich empfehle, hier mindestens eine halbe Stunde einzuplanen.
- Grünes Band an der Glienicker Brücke: Symbol für die deutsch-deutsche Spaltung – ein Ort mit dramatischer Vergangenheit und heutiger Schönheit.
🎧 Tipp: Lade dir die App „Mauerguide“ herunter – GPS-gestützte Audiotour mit Zeitzeugenberichten.
🛶 Ziel: Griebnitzsee und Wannsee
Nach Stunden auf dem Sattel erreichst du Potsdam-Griebnitzsee oder Wannsee. Das Gefühl? Erschöpft. Und erfüllt. Ich setze mich am Wasser hin, tauche die Füße in den See und bin dankbar. Für Freiheit. Für Frieden. Für Berlin.
🧳 Heimfahrt: Regionalbahn zurück nach Berlin Hauptbahnhof (Fahrradmitnahme möglich mit BVG-Ticket „Berlin ABC + Rad“)
📦 Praktische Tipps für deine Berlin-Radtouren
- Leihräder: Nextbike, Lime oder klassische Radverleihe z. B. „Berlin on Bike“ am Kulturbrauerei
- Navigation: Komoot (App) oder Google Maps mit Fahrradmodus
- Fahrradtickets im ÖPNV: Tageskarte für Fahrrad ab 2,50 € bei der BVG
- Unterkünfte: Ideal mit Fahrradstellplatz – siehe Booking.com, Airbnb, Expedia.de
- Reiseplanung: Skyscanner.de für Flüge, TUI.com für Pauschalangebote, Lufthansa Holidays
❤️ Warum ich immer wieder in die Pedale trete
Fahrradfahren in Berlin ist mehr als Fortbewegung – es ist Freiheit. Ich sehe die Stadt anders, höre mehr, rieche mehr, spüre mehr. Ich gleite durch Geschichte, durch Parks, an Cafés vorbei, über Kopfsteinpflaster und Brücken.
Manchmal vergesse ich, wie groß Berlin ist – bis ich es mit dem Rad wieder erfahre. Und manchmal entdecke ich Ecken, die nicht im Reiseführer stehen, aber genau deshalb so besonders sind.
Wenn du Berlin wirklich verstehen willst, steig auf’s Rad. Lass dich treiben. Schau dich um. Und nimm dir Zeit. Denn Berlin fährt nicht davon – Berlin fährt mit.